|
Artikel aus den
Stuttgarter Nachrichten
vom 21.01.2006
KULTUR
Das Juilliard Quartet im Mozartsaal
Der Kitzel der Kammerkunst
Wie lange kann man ein Ensemble als sein eigenes Original bezeichnen? Zwar gastierte jetzt im Russ-Kammermusikzyklus das
genau vor 60 Jahren gegründete Juilliard String Quartet. Doch hatte bereits vor acht Jahren der damals 77-jährige Gründungsprimarius
Robert Mann die Führung an seinen Kollegen am zweiten Geigenpult, Joel Smirnoff (seit 1986 mit dabei), abgetreten.
VON HELMUTH FIEDLER
Gleichzeitig trat der Geiger Ronald Copes neu ein, während der Bratscher Samuel Rhodes (seit 1969 dabei) und der Cellist
Joel Krosnick (seit 1974 dabei) bis heute bewährte Qualitätsgaranten geblieben sind.
Auffallend der hoch konzentrierte Ernst, mit dem sich die vier Musiker Franz Schuberts Quartettsatz c-Moll DV 703 näherten.
Man bewegte sich in den Bahnen einer sehr intensiven, aber doch auch von viel Erfahrung geprägten Ausdrucksroutine. Die andere
Seite der langen Quartett-Tradition sind die gelegentlichen tonlichen Labilitäten des Primgeigers, der zumal in den weit gespannten
Schubert-Kantilenen vor lauter Hingabe des Spiels - die Beine in der Luft - immer wieder mal die Bodenhaftung verlor.
Kaum weniger bewundernswert, mit welcher Unbedingtheit sich die Juilliards durch Ezequiel Vinaos monumentales Quartett
Nr. 2 "The Loss And The Silence" (2004) arbeiteten: mit rhythmischer Prägnanz in der Durchdringung der polyfon verästelten
Partitur, die sogar mit auseinander triftenden Spielgeschwindigkeiten aufwartet. Nicht zu vergessen die im Pianissimo spannungsreich
ausbalancierte Akkordik und die gelegentlichen Tango-Assoziationen - der tüftelige Messiaen-Schüler Vinaos wurde 1960 in Argentinien
geboren.
Bei Johannes Brahms, in dessen B-Dur-Quartett op. 67, öffnet eine solche Musizierhaltung den Blick auf einen Komponisten,
der - nicht verkopft und nicht verzopft - zur Zärtlichkeit findet. Mit Seelenruhe breitet das Juilliard Quartet seinen späten
Brahms aus. Mag sein, dass jüngere Quartette einen aufwühlenderen, windschnittigeren Brahms für sich entdecken. Das Juilliard
Quartet aber steht, nicht weniger beeindruckend, für traditionellere Werte: den intellektuellen Kitzel einer Kammerkunst.
Dankbarer Applaus und eine Zugabe, das Final-Allegro aus Mozarts allerletztem Quartett KV 590 in F-Dur.
|